falsche Ansätze

Ich nehme in Auszügen Stellung zu meinen Erlebnissen aus jüngster Zeit und wie ich die Schmerztherapie als Angehöriger und selbst Betroffener erlebt habe.

 

Während der stat. Schmerztherapie vom 19 bis zum 29. März 2012 – wurde gegen meine Schmerzen neben Anfänglich Tlidin und später Oxycodon(+Naloxon) auch Paracetamol eingesetzt – wohlgemerkt als Co-Medikation und auch im Falle von Schmerzspitzen!

Thema Spitzen – die über den Dauerpegel hinausgehen
Jetzt sagen einige Ärzte sicher das ultimative Totschlagargument:
“Naja wenn das von selbst wieder nach ein paar Stunden verschwindet, die können sie sicher aushalten… sie sind ja noch JUNG und STARK …”
Was denkt ihr nur bei solchen Sätzen? Der Oberarzt in der Klinik fand es dann unheimlich geil zu sagen, “ja dann nehmen sie halt Paracetamol”.. als ich das einem Pharmakologen erzählt habe… der konnte sich vor Lachen nicht mehr auf dem Stuhl halten.. die Webcam zeiget nur noch einen leeren Bürostuhl… er brauchte eine ganze Minute um sich wieder zu sammeln..
Natürlich kann man Paracetamol als Co Medikation fahren… im Spiegel also kontinuierlich. AAAAber! das kommt nur für eine sehr kurze Zeit in Frage!, Maximal 7 bis 10 Tage, danach muss man Pause einlegen, für mindestens 60 Tage. Sonst kommt es unweigerlich zu Organschäden, die ggf. eine neue Leber von Nöten machen.

“Wie kann man so was nur einen an sich gesunden jungen Menschen vorschlagen?

Warum kommt man denn auf die Idee, dass das helfen könnte bei solchen Schmerzen?!
Natürlich sollte man mit Bedarfsmedikation vorsichtig sein – aber dem Patienten das vorzuenthalten ist nicht nur falsch, das ist (fahrlässige) Körperverletzung.. und sein Bekannter unterlassene Hilfeleistung!”
“Auch das Argument, die Kasse zahle das nicht, ist ein ausgemachter Schwachsinn.. natürlich in den Ausnahmefällen, zu Zeiten als er noch Pharmareferent war – wusste er konkret von etwa 20 Fällen in seinem Kundenradius von 40km, MS-Patienten ebenso wie ganz normale Schmerzpatienten. Sollte das häufiger vorkommen mit den Spitzen – so er, dann stimmt in der Grundmedikation schon etwas nicht, die ist dann zu niedrig.

Oder man muss ein anderes Opioid auswählen. Letztlich gibt es dann noch den Ausweg Medikamentenpumpe, wenn sich absehen lässt das der Zeitraum der Einnahme länger als 6 Monate sein wird. Auch hier gibt es Modelle die eine Bolus Gabe möglich machen.
Nur die billigen Modelle auf Gasdruckbasis können so etwas nicht, aber die werden immer seltener in Deutschland eingesetzt!”
Letztlich so sollte man doch auch daran denken: “Würde man sich das selbst auch zu muten, was man den Patienten dort zumutet mit solch einem Verhalten?”
“Sicher nicht, denn auch wenn der Satz aus der palliativen Schmerzmedizin stammt, sollte man das auf alle Patienten anwenden:
Schmerztherapie sollten den Tagen Leben geben!
Und nicht dem Leben, Tage geben!
Denn Tage, an denen man unnötige Schmerzen ertragen muss, sind verlorene Tage. An diesen Tagen musste man wegen der Unfähigkeit oder Ignoranz der behandelnden Ärzte leiden. Und je jünger ein Mensch ist, der unter chronischen Schmerzen leidet – umso schlimmer ist es doch, wenn dieser Mensch jeden weiteren Tag seines weiteren Lebens unterdosiert durchs Leben schreiten muss?! Deswegen  ist nicht maligner Schmerz eindeutig schlimmer zu werten als maligner Schmerz, denn der nicht maligne Schmerz ist  meist über Jahre hinweg entstanden und begleitet den Patienten auch noch über weitere Jahre. Die Allroundlösung gibt es nicht! Vor allem nicht für Menschen die schon seit 3 oder mehr Jahren unter chronischen Schmerzen leiden. Das Schmerzgedächtnis hatte viele Jahre um sich zu entwickeln, Fehlmedikationen, Fehlinterpretationen durch Ärzte führten nur noch mehr zu einer Verschlechterung des Zustands.

Es wird mit zunehmender Dauer der Schmerzerkrankung schwieriger den Schmerzen Herr zu werden, dem Patienten der so viel Sehnsucht nach einem schmerzfreien Leben hat, gerecht zu werden.

Ich weiß nicht worin der Sinn besteht, mit den erlösenden Medikamenten zu geizen, denn süchtig (egal wie man die Definition nun setzt) wird man ohnehin von den Mitteln (auch von Retard…), wenn man nicht im eigentlich physisch Abhängig wird – so wird man doch süchtig nach den Momenten in denen man weniger Schmerzen hat. Was nicht weniger schlimm ist, was nicht weniger dramatische Auswirkungen haben kann.

In den letzten Lebenswochen…
Meinem Vater verweigerte man in den letzten Wochen die sein Leben nach der Diagnose Lungenkrebs noch hatte, die Schmerzmittel in einer höheren Dosierung (komischer Weise in einem der Schwestereinrichtungen, meiner Schmerztherapie… ich weiß aber das das auch in anderen Einrichtungen passiert). Er bekam nicht einmal 11 Wochen vor seinem Tod die Diagnose, metastasierender Lungenkrebs – statt ihn von den Schmerzen zu befreien, die er wirklich hatte (er nahm zu diesem Zeitpunkt bereits seit über 12 Jahren Tramadol!), zuletzt reichte ihm eine Flasche (bevor er die Diagnose bekam) noch etwa 3 Tage! (normalerweise reicht die einem 30Tage).
Man gab ihm anfangs gegen die Schmerzen (er hatte in der Lunge, Leber, Nieren, Blase und im Gehirn Tumore unterschiedlicher Stadien), lächerlicher Weise 2x10mg Morphin Retard (keine Bedarfsmedikation!), statt eben der angemessenen Dosierung stopfte man ihn mit Psychopharmaka und anderen “Happy Machern” bis unter die Dachkante voll.
Er war definitiv nicht mehr der Mann, den ich als meinen Vater kannte.
Er ließ sich hängen, er gab auf. Man musste Angst haben er würde aus dem Fenster springen, auch wegen den Schmerzen, durch die Medikamente kamen dann auch noch Sinnestäuschungen und andere Wahrnehmungsstörungen dazu.
Der Arzt sagte zu meiner Mutter: “Wir können ihrem Mann nicht mehr geben, er könnte süchtig werden!!!!” Das sagt man zu einer Frau – der man Tage zuvor gesagt hatte : “Seien Sie froh wenn ihr Mann die nächsten Stunden überlebt”
Da sagt man doch aller ernstes, “Er könnte süchtig werden!!!” im Nachhinein bin ich froh, dass ich nicht dabei war, ich glaube der Arzt hätte sich eine gefangen, für so eine dreiste Antwort fernab jeglicher Menschlichkeit und Realität.
Erst nachdem meine Mutter auf der Generalvollmacht bestand, sämtliche Sedierenden Mittel unverzüglich abzusetzen, tat sich etwas. Mein Vater wurde wieder klar.
Die Schmerzmittelversorgung wurde nicht unbedingt besser, ich selbst war zu jener Zeit auf 600mg Morphin Retard eingestellt, (zusätzlich eine Menge Beimedikation), ich hatte noch Restbestände von 30 bzw. 60mg Tabletten – diese gab ich meiner Mutter – die Sie verwahrte für meinen Vater!
Er hatte dann noch wenige Momente während seiner Chemotherapie, an denen er einen glücklichen Eindruck machte, nicht so schmerzverzerrt wie die Monate und Wochen vor seiner Diagnose (von den 2 Wochen auf Happypills abgesehen).
Nicht zuletzt auch deshalb, weil meine Mutter unerbittlich dafür gekämpft hatte, das meinem Vater zumindest die Schmerzen genommen werden konnten – auch dank meiner Hilfe. Denn die Hausärztin die meinen Vater betreute (bei der ich auch war), war dermaßen geizig mit den Tabletten, dass meine Mutter froh war darüber – dass ich 4 Monate zuvor eine Schmerztherapie begonnen hatte.
Es kam doch tatsächlich auch von der Hausärztin das Argument” Wissen Sie ihr Mann könnte süchtig werden”.. einem Mann – der dessen jeder Tag sein Letzter sein kann!
Das sagt man einer Ehefrau! die Ihren Mann Tag für Tag leiden sie weil Ärzte nicht über ihren eigenen Schatten springen konnten. Es wäre doch egal gewesen ob mein Vater eine Sucht entwickelt! In den letzten Tagen seines Lebens, war die Schmerzmittelversorgung gesichert, aber nur durch das unerlässliche und unerbittliche Verhalten meiner Mutter – für ihren Mann, den sie liebte zu kämpfen bereit war. Denn mein Vater war nicht mehr in der Lage zu kämpfen! Er verließ unsere Welt endgültig am 31.8.2008, er wurde 52 Jahre alt!
Ich weiß nicht ob er Schmerzen hatte, aber laut meiner Mutter sah man ihm an, dass er schmerzen hatte, auch in den letzten Stunden und Minuten seines Lebens – nicht einmal da gewährte man ihm Schmerzfreiheit!
Weil verbohrte, blinde und hoffnungslos erschöpfte Mediziner die Frechheit besaßen darüber zu entscheiden, wer, wie viel Schmerzen ertragen kann, und dass man es nicht verantworten könne wenn dieser Mensch süchtig werden würde und selbst dann wenn eben jener Mensch nur noch Stunden zu leben hat!
Wer seid ihr – als dass ihr darüber bestimmen könnt – wie jemand Schmerz zu ertragen hat, wie er den Schmerz empfindet. Schmerz ist immer individuell und kann niemals nach einem Schema gedeutet werden. NIEMALS.

Ausnahmslos bleibt Schmerztherapie, egal ob bei einer Krebserkrankung, einer lebensverkürzenden Erkrankung oder einfach nur bei Schmerzen (durch einen Unfall, eine genetische Prädisposition oder anderweitig begründet) immer eine individuelle Maßnahme!
Man muss für jeden Patienten die ideale Lösung finden und darf sich keinesfalls verrennen in Vorurteilen, persönlichen Abneigung oder anderen Differenzen! Ihr seid verdammt nochmal für die Patienten da – die euch vertrauen, die gegebenenfalls die letzte verbliebene Hoffnung in euch stecken. Menschen die noch einen Schlag ins Gesicht, für ihre Glaubwürdigkeit nicht mehr verkraften können. Versteht ihr das?
Ihr müsst den Patienten zuhören und gemeinsam mit Ihnen an einem Weg arbeiten, nicht gegen den Willen eines Patienten, für die Prämie(n) eines Pharmaproduzenten (- weil ich nur ein Produkt für alle Patienten nehmt, auch wenn das Produkt ungeeignet ist!). Ich könnte diese Liste sicher noch weiterführen – aber ihr solltet mich auch jetzt schon verstanden haben!

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